Der Witz

Was ist eigentlich der Witz an der Theologie?, etwa 1998 in Münster

Am Anfang möchte ich einen zeitgemäßen Witz erzählen. Doch davor muß ich auf drei Einschränkungen aufmerksam machen: auf eine eigene Verunsicherung und einen doppelten Widerspruch: Erstens weiß ich nicht, ob ihr darüber lachen werdet, zweitens handelt es sich eigentlich gar nicht um einen Witz, sondern um etwas, was durchaus ernst gemeint war, und drittens ist die Geschichte auch nicht zeitgemäß, und auch dieses auf doppelte Weise: Erstens ist die Geschichte über 100 Jahre alt, und zweitens (noch viel schlimmer!) geht die Pointe dieses Witzes auf Jahrtausende alte überlieferte Erfahrungen zurück. Aber, um die Verwirrung komplett zu machen: es ist eben doch und dennoch ein zeitgemäßer Witz, dessen Wesen als Witz / Witzcharakter / Witzheit / Witzentum erst in unserer Zeit vollends zu einem solchen wird und dadurch eine Zeitdiagnose zuläßt. Jetzt folgt also der Witz. Es ist eine wahre Geschichte, ein wahrer Tatbestand, eigentlich eine banale Geschichte:

Nach der Aufklärung, der Emanzipation der Juden wie auch der jüdischen Aufklärung, der Haskala, konnte man in jüdischen Zeitungen Deutschlands Heiratsanoncen lesen, die etwa wie folgt lauteten: X und Y wollen heiraten. Die Hochzeit findet nächste Woche am Mittwoch um soundsoviel Uhr in Jerusalem statt. Sollte der Messias bis dahin nicht gekommen sein, dann wird die Hochzeit nach Hamburg auf Straße soundso, Nummer soundso verlegt.

Eine Zeitdiagnose ergibt sich aus der Frage, worüber wir lachen (wenn wir das überhaupt noch tun!): Erstens über die absolute Selbstverständlichkeit, mit der wir auch nur eine Spur von Messias / Gott … für ausgeschlossen halten, … daß Gott in der nächsten Woche eingreifen könnte, niemand glaubt daran!, und zweitens, anders formuliert: Wir lachen über das, was nicht ins System paßt, ins System unserer Vorstellungen, unseres Realitätsbildes. Nach der „Dialektik der aufgeklärten Spaßbildung“, einer der berühmtesten Witztheoriefragmentsammlungen dieses Jahrhunderts, besteht der Hauptgrund für die nachaufklärerische Humorlosigkeit in der Angst des Menschen vor dem Draußen, vor dem, was außerhalb des Systems liegt, außerhalb des Bekannten, des rationalistischen Weltbildes, es ist die Angst vor dem Unbekannten. Genau über dieses Unbekannte, Unpassende, lachen wir (wenn überhaupt). Wir lachen also über den Messias, über Gott. Gott selber ist der Witz bzw. die Pointe des Witzes!

Laut Sigwitz Freud lachen wir deshalb über das, was außerhalb des Systems liegt, weil wir es uns eigentlich zutiefst wünschen und ersehnen und dies mit aller Wucht äußern wollen, gleichzeitig aber diese Sehnsucht weit von uns weisen, nicht wahr haben wollen, also uns alle darüber einig sind, daß wir uns diesen Wunsch in Wirklichkeit verbieten, daß so etwas überhaupt nicht in Frage kommt. Der Witz ermöglicht es uns also, die Sehnsucht nach Messias, Gott, Rettung des Lebens wie auch sexuelle Wünsche laut zu äußern und dennoch deren Tabu ungebrochen zu lassen. Früher haben sich die Menschen Geschichten der Sehnsucht, der Verheißungen, der Rettung erzählt, und heute erzählen wir uns nur noch Witze. In beiden Fällen gab es eine Pointe. Der Unterschied ist nur, ob man an das glaubt, was man erzählt oder nicht. Doch dazu später! Ich wollte den Witz auch gar nicht so schlecht machen, wie es jetzt klingt.

Nun will ich das Gesagte erst einmal in einem räumlichen Bild systematisch-vereinfachend zusammenfassen, bevor es dann noch komplizierter wird: Der Witz / das Lachen / die Pointe ist schillernd und bewegt sich ständig hin und her in einem Raume zwischen zwei Polen oder Antipoden: Der eine Pol ist die völlige Anpassung an das „System“, das jeweils herrschende Realitätsbild. Man lacht also über das, was nicht in die Realität hineinpaßt, was man sich aber zutiefst wünscht, weil man so den Wunsch indirekt äußern und ihn dennoch zugleich weit von sich weg schieben kann. Die Absicht ist dann klar: nämlich die bestehende Realität aufrechtzuerhalten und nicht an ihr zu rütteln. Den zweiten Pol kann man verdeutlichen mit dem politischen Witz, den es z.B. in der Nazi-Zeit gab: Das, worüber man dort lacht, ist gerade die Wahrheit, das was nicht ins herrschende System paßt. Ein Beispiel für diesen Witztyp – wiederum eigentlich kein Witz, sondern diesmal ein Märchenmotiv – ist die Naivität des Kindes in „Des Kaisers neue Kleider“, welches inmitten einer Menge von Menschen, die die wundervollen Kleider des Kaisers bestaunen, ausruft: Aber der Kaiser ist ja nackt! Dieser Aspekt oder Typ des Witzes ist also überhaupt nicht angepaßt, sondern subversiv, umstürzlerisch, rebellierend, revolutionär, und dient gerade der Absicht, etwas radikal zu verändern. (Zu diesem zweiten Pol möchte ich gern auch die biblischen Witze zählen.) – Die meisten Witze befinden sich irgendwo zwischen diesen beiden Polen.

 

Wir lachen darüber, daß die Leidenden erlöst werden könnten.

Man lacht über den Theologen, weil man sich selber der Realität unterwirft, dagegen der Theologe sich den Spaß gönnt, die Realität nicht anzubeten. (Es gibt allerdings Theologen, die das gar nicht merken und sich dadurch selber zum Witz machen.) Ist er deswegen immer „realitätsfremd“? Oder andersherum: Ist diese Anbetung der Realität anzuerkennen?

Nun folgt ein etwas anspruchsvollerer Exkurs zu Freud, wo man mitdenken muß. Ich hoffe, daß ich euch dabei nicht unterfordere: Das Thema des Lachens über das, was nicht ins System paßt, welches darin aber einersets systemerhaltend und andererseits rebellierend ist, also zwei einander entgegengesetzten Absichten dient, wie wir gesehen haben, nämlich einer konservativen und zugleich einer revolutionären, läßt sich wunderbar vergleichen mit der Neurosenlehre. Wie der Witz ist nämlich auch jedes neurotische Symptom (aber auch ein „gesundes“ Phänomen wie der Traum) eine Kompromißbildung zweier einander entgegengesetzter Absichten, der der Wunscherfüllung, die dem sogenannten „Überich“, dem System, entgegentritt, zuwiderläuft, und der anderen Absicht, die Wunscherfüllung um jeden Preis zu vermeiden, dem „Überich“ oder dem System konform zu bleiben, die Verdrängung des Wunsches aufrechtzuerhalten. Aber um es jetzt noch komplizierter zu machen: Diese beiden einander entgegengesetzten Absichten dienen dennoch einem gemeinsamem Ziel, der Bekämpfung eines gemeinsamem Feindes: Der Verdrängung der Erinnerung. Und zwar handelt es sich hier beim einzelnen Menschen um Erinnerungen an unerfüllte Wünsche und Sehnsüchte (v.a. den Wunsch nach Liebe) und an Schmerzerfahrungen von frühester Kindheit bis zur Gegenwart und kollektiv um Erinnerungen an unerfüllte Hoffnungen (z.B. „messianische Zeit“ u.a.) über die ganze Menschheitsgeschichte hinweg. Um sich nun nicht erinnern zu müssen (was leider gar nicht so leicht zu bewerkstelligen ist), bedient man sich verschiedener Vermeidungsstrategien. Die beliebteste Methode besteht darin, daß man die Vergangenheit in der Gegenwart wiederholt, indem man sie als gegenwärtig erlebt, und dann versucht, die Wünsche der Vergangenheit in der Gegenwart zu erfüllen oder eben auch nicht zu erfüllen, eben um die Erinnerung an die unerfüllten Wünsche und an die Schmerzen zu vermeiden, aber dennoch, und jetzt erreicht die Verwirrung ihren Höhepunkt, auch gerade um sich zu erinnern. Ohne die Absicht des Erinnerns wären die Abwehrstrategien sinnlos, würden wir uns keine Witze erzählen, und ohne Erinnerung könnten wir über keinen Witz lachen. Die Pointe des Witzes besteht also darin, daß verdrängte Erfahrungen, die nicht ins System passen, wiedererinnert werden.

Walter Binjamin (nach anderen Überlieferungen „Benjawitz“ oder „Bienemiene“), einer der großen Witztheoretiker dieses Jahrhunderts, sagte einmal, daß die Praxis des Erzählens als Weitergeben von Erfahrungen, so daß sie bei den Zuhörern wieder zur Erfahrung werden, heute weitgehend verloren gegangen und nur noch der Witz übriggeblieben sei. Der Witz als „gefährliche Erinnerung“, als subversive, rebellierende Erzählform kann also sowohl zur Unterwerfung und Anbetung einer bestimmten Realität / eines Systems führen, als auch ein Ansporn zur Befreiung sein, zur Hoffnung, daß „das was ist, nicht alles ist“ (Adirno).

„So ist das Leben!“ – „Es muß aber nicht so bleiben!“

 

Nun will ich etwas zur „memoria ioci“, der Erinnerung des Spaßes / des Lachens / des Witzes und dem Beitrag dieser Erinnerung für eine kritisch-befreiende Praxis heute sagen: Die Bibel (und die jüdische und christliche Tradition) ist von vorn bis hinten voller Spaß, die Bibel ist ein einziger Witz! Der Witz bzw. die Pointe besteht genau in den Hoffnungen und Sehnsüchten, den Wünschen, deren Realisierung man im allgemeinen für unmöglich hält, die einfach nicht mit der Realität zusammenpassen (jedenfalls nicht mit den von den jeweils herrschenden Systemen verordneten Realitäten!). So lachte z.B. Sara (im Alten Testament), als sie schon zu alt zum Gebären war und erfuhr, daß sie ein Kind bekommen sollte. Die Bibel wimmelt nur so von Witzen, von denen Gott selber der aller Komischste ist; andere Beispiele sind der Löwe, der neben dem Lamm Gras frißt, der Starke, der nicht mehr den Schwachen unterdrückt, das Kind, das mit einer giftigen Schlange friedlich spielt, Jesus, der über’s Wasser läuft und über die alltäglichen Sorgen lacht, wo andere Angst haben, Jungfrauengeburt, die „Brotvermehrung“, der Brunnen, den Gott plötzlich in die Wüste zaubert, als Hagar und Ismael durstig und verzweifelt sind, die Auferstehung der Toten, eine Welt in der es keine Kriege mehr gibt usf.. Überhaupt sind die Wunder allesamt Witze. – Auch die Vision einer gerechten Gesellschaft, eines menschenwürdigen Lebens für alle, und eine Ethik, die nicht der Stabilisierung der bestehenden Gesellschaft, sondern einer Utopie, nicht den Machthabern, sondern den Schwachen und Ausgegrenzten dient, gehören zu den großartigsten Witzen, die die Menschheit je hervorgebracht hat. Hier möchte ich noch den besten Witz, den ich von J. B. Mitz, einem der wichtigsten Vertreter des neuen politischen Witzes zu Münster, gehört habe, anführen: Er extrahierte die Pointe der großen biblischen Witzsammlung zusammenfassend-deutend zu der Eigenkreation der Bezeichnung „Autorität der Leidenden“. Für die Humorlosen, Nüchternen und des Witzes Unkundigen möchte ich an dieser Stelle eine tiefensoziologische Deutung dieses Bonmots hinzufügen: Leidende und Unterdrückte werden bekanntlich immer unterdrückt (wie der Name schon sagt), unterjocht und geknechtet, und haben niemals Autorität. Autorität dagegen haben nur die Machthaber und die Reichen. So sollte man es doch, wenn man denn realistisch ist, auch tunlichst belassen. Aber die Gotteswitzauslegungslehre gibt ausgerechnet den Leidenden Autorität und stellt somit alles auf den Kopf und bringt alles durcheinander. (Hoffentlich tut sie das auch wirklich!) – Das alles sind wohlgemerkt zeitgemäße Witze, so alt sie auch sein mögen, denn: Wer würde heute nicht darüber lachen, über so naive und unrealistische Hoffnungen? (Das sage ich nicht nur mit Freude über das Lachen, sondern auch mit Bitterkeit über die Verachtung, die solchen Hoffnungen widerfährt.) Es gibt allerdings schon Menschen (habe ich mir sagen lassen), denen nur noch ein müdes Lächeln über die Lippen kommt, wenn sie solche Witze hören. Diese Haltung oder: Realitätskrankheit / Realitätsaberglaube beginnt sogar unter Theologen um sich zu greifen! Eine solche Humorlosigkeit wäre die tödlichste Gefahr für die Theologie: Denn in dem Maße, in dem Theologen ihren Sinn für den Witz verlieren, würden sie gar nicht mehr merken, was für ein riesiger Widerspruch und Gegensatz zwischen den biblischen Hoffnungen und der Realität besteht, sie würden die Pointe der Bibel gar nicht mehr verstehen, und dann hätte die ganze Theologie im wahrsten Sinne des Wortes ihren Witz verloren. (Oder sie würden gar die Bibel selber, die Verheißungen, Gott usw. für die Realität halten.) Und die Theologen würden sich genau als das erweisen, wofür sie ohnehin schon meistens (und oft zu Recht) gehalten werden: nämlich als lächerlich. (Allerdings wären sie dann wenigstens selber Witze, und es wäre nicht alles verloren.) – Man schaue sich nur das Kasperletheater einer normalen Messe an!, Weihrauch, Gewänder, magische Riten und Gesten, dieses ganze Abrakadabra. Die Humorlosigkeit der Leute in der Kirche ist ja die Hauptursache dafür, daß keiner mehr dort hingeht. – Jetzt aber andererseits: Wo würden wir hinkommen ohne die unrealistischen Hoffnungen, ohne den Witz der Hoffnung auf völlige Erneuerung des Lebens, auf radikale Befreiung?

Allerdings wird der Witz nur dann die allgegenwärtige depressive Stimmung aus den Kirchen hinausjagen und aus der übrigen Gesellschaft vertreiben, wenn er uns nicht nur zu verrückten Ideen, sondern auch zu einer verrückten Lebensweise und zu verrücktem Handeln anstiftet. Nur dann wird sich etwas verändern. Dann könnte es passieren, daß Blinde sehen, Taube hören, Lahme springen, Stumme sprechen, Depressive und Gelangweilte plötzlich lebendig werden, kurz: daß sie alle von den Toten auferstehen. Das wäre wirklich ein Witz!

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Ein Kommentar

  1. Anonymous

    Ich gratuliere Di zu Deiner Homepage. Hoffentlich finden viele Interessierte Dich auf diese Weise

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