Reisebericht

2001

Der Kulturschock ist der Moment, in dem man die Dinge am wahrhaftigsten, ungeschöntesten, sensibelsten wahrnimmt, ehe der Schleier der Gewöhnung sich wie eine rosarote Brille dämpfend und verharmlosend über die offenen Augen und das wache Herz legt. Es fing schon im Flugzeug an: Kaum waren wir gestartet, und hatte es Essen und Trinken gegeben, merkte ich, wie die Leute um mich herum entweder zu schlafen oder Filme zu sehen begannen, alle ohne Ausnahme im gleichen Moment, wie Marionetten. Als sie mich schließlich zum Schluß noch nötigten, das Fenster dunkel zu machen, und mir die Sicht versperren wollten, wurde es mir zu viel. Ich war irritiert. Warum tat keiner etwas aus eigenem Antrieb, wenn auch nur schauen über die Länder, die Meere, die Wolken, die Sonne, die Weite? Oder etwas lesen, nachdenken, schreiben? Warum liebten sie nicht das Licht und das Leben?

Ich flüchtete schnell auf einen anderen Platz, der zwar nicht mehr am Fenster war, wo ich aber wenigstens Licht hatte. Welch eine Sehnsucht, wach zu sein, wahrzunehmen in diesem Leben!

Seltsam, in diesem schweren Geschoß zu sitzen, irgendwo in schwindelnder Höhe über dem Meer, in ewig stetiger Bewegung sich fast stehend zu fühlen und um die atemberaubende Geschwindigkeit, die Kälte und die dünne Luft (11000 m), die wir ungeschützt nicht überleben würden, nur noch theoretisch zu wissen.

Wir leben in einer Zeit des Vergessens, haben schon fast vergessen, die Zeit vor uns, als so eine Reise mühselig und jeder Schritt schwer war…

Und dann – ich bin gerade angekommen – wie mich die Leute hier in der Herberge fragen (auf Englisch natürlich, denn die Landessprache zu lernen halten sie nicht für nötig), wo ich denn überall gewesen sei, und dann aufzählen, wo sie überall herumgetravelt sind – hier getravelt und dort getravelt –, dann erfüllt mich eine Wut, ein Ekel über dieses ganze Traveln, dieses Konsumieren und Anhäufen von „mitgenommenen“ Orten. Das Schlimmste ist diese absolute Sinnlosigkeit, diese Depressivität bei dem Herumgefahre. Die verschlossenen Gefühle, die dumpfen Gemüter, die ich argwöhne, wo keine Liebe, keine Beziehung, kein Schmerz als „Leiden an der Welt“ mehr eindringt.

Und dann die scheußliche Musik in der U-Bahn und an jeder Straßenecke, die sich alle gefallen lassen und über sich ergehen lassen wie Schafe. Die Leute schreien um Geld wie die Küken im Nest um Futter. Überall bettelt jemand, macht irgendeine unangenehme, lästige Musik, führt etwas vor, um etwas zu verdienen. Was ist das für eine Gesellschaft, wo man sich in Glasscherben wälzen, zwölf Stunden am Tag Leierkasten drehen oder sich auf andere Weise entwürdigen muß, nur um zu überleben?

Hier in diesem kleinen Dorf, wo ich jetzt plötzlich gerade angekommen bin, ist von früh bis abend Krach. Man hätte den Leuten den Strom nicht geben sollen. Im Nachbardorf, wo es keinen Strom gibt, singen die Leute noch selber und machen mit Instrumenten Musik. Überall sehe ich hier Coca-Cola- und Sprite-Reklame. Warum merken sie nicht, daß sie damit genau die Art von Wirtschaft unterstützen und auf sie hereinfallen, von der sie bedroht werden, gegen deren Besitzinteressen sie seit Jahren ihre eigene Kultur retten wollen?

So macht man den Menschen zum Kunden. Der Kunde ist heute der Nachkomme des Unterdrückten, des gepeitschten Sklaven. Der Unterschied ist nur – und das ist das Furchtbare –, daß sich der Kunde gern und freiwillig peitschen, herumkommandieren und seiner Freiheit berauben läßt. Er ist wie der perfekte Untertan völlig passiv.

Bald werden die Leute hier nur noch von früh bis abend billige Musik hören und fernsehen; dann braucht nur noch ein bißchen Alkohol hinzuzukommen, und es ist mit der ganzen Bauernbewegung vorbei.

Da dämmert mir, daß es vielleicht doch nicht ausreicht, wie ich immer gedacht habe, daß die Menschen frei sein müßten, frei von Bevormundung, von politischer und ökonomischer Ungerechtigkeit wie auch von psychischen Zwängen. Selbst wenn dieses Ziel erreicht wäre, könnte das Leben immer noch eine einzige Katastrophe sein – wie eben die Leute im Flugzeug, die Touristen und die Leute auf der Straße und im Dorf. Sie sind zwar auch nicht ganz frei, aber die Veränderung müßte woanders beginnen. Solange wir nicht auf die erste Frage, die in der Bibel steht, Wo bist du, Mensch?, die richtige Antwort, das heißt überhaupt eine Antwort geben, solange das Leben nur selbstbezüglich bleibt und nicht Antwort auf einen „Ruf von außen“, ein Sich-Stellen der Herausforderung ist, wird sich an dem Sumpf und an dem ewigen Einerlei überhaupt nichts ändern. Gott ist nicht einfach nur das, was ich im Herzen habe, sondern wird sichtbar an der Differenz, an der Vision, der Sehnsucht, an etwas, das nicht identisch ist mit dem Bestehenden. Wenn wir uns der Herausforderung, die von außen kommt, stellen, wenn es im Leben eine Aufgabe gibt, also eine Art von Fremdbestimmung, wenn wir auf die entscheidende Frage die Antwort geben: Hier bin ich!, dann könnten wir dieser furchtbaren Langeweile entrinnen.

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