Christentum und Judentum 1998

Subjektive, einseitige und unzufriedene Bemerkungen zur theologischen Tagung zum 70. Geburtstag von Johann Baptist Metz am 27. Oktober 1998 im Schloß Ahaus

Thema: Ende der Zeit? Die Provokation der Rede von Gott.

Beteiligte: Johann Baptist Metz, Kardinal Joseph Ratzinger, Jürgen Moltmann, Eveline Goodman-Thau

 

Der Vormittag der Tagung war sehr gelungen: In der Einführung sprach Tiemo Rainer Peters in einer erfrischenden und provokativen kurzen Rede u.a. die theologischen und kirchlichen Konflikte zwischen Metz und Ratzinger an, ohne sie zu verharmlosen, wie zwischen der befreienden Theologie von Metz und deren mächtigen Gegnerschaft Ratzingers und die Verhinderung von Metz’ Professur in München durch Ratzinger 1979. Dann folgten die Reden von Ratzinger und Metz, wobei die erste in der sprachlichen Geschliffenheit und die zweite v.a. inhaltlich vorzüglich waren. Im Gespräch zwischen den beiden Theologen, welches sich daran anschloß, schienen sie zunächst einer Meinung zu sein, und Ratzinger wußte erst gar nicht, worüber sie sich streiten sollten (was er etwas verunsichert bemerkte), doch zum Schluß wurde der wesentliche theologische Unterschied deutlich: Als Ratzinger sagte, daß man das Leiden der Menschen gar nicht ertragen und die Augen dabei nicht offen halten könnte (hier nahm er Bezug auf Metz’ Ausdruck “Mystik der offenen Augen”), wäre nicht auf auch Gott da, antwortete Metz, daß er das Leiden überhaupt nicht Gott “gönnen” sondern ohne Gott sehen wolle, und die einzige Rechtfertigung Gottes angesichts des Leidens darin bestehen könne, daß dieser selbst sich am Ende der Tage rechtfertigen wird. Die entscheidende Frage sei nicht, wo oder was Gott ist, sondern: Wo bleibt Gott?

Der Nachmittag, der weniger hoffnungsvoll verlaufen sollte, begann mit den Statements des evangelischen Theologen Jürgen Moltmann und der Jüdin Eveline Goodman-Thau. Letztere wurde während der Tagung sichtlich an den Rand gedrängt, zuweilen sogar körperlich übersehen. Nach den bisherigen zwar emphatischen, aber auch zum Teil geschwollenen und selbstherrlichen Beiträgen der drei Theologen, darunter einem Kardinal, denen man (im Vergleich zu ihr) zu viel “Schreibtisch-Abgeschiedenheit” und zu wenig an eigener Erfahrung und eigenem Leben anmerkte, fehlte ihr als letzter Rednerin die “Männlichkeit”, die Christlichkeit und die Breitschultrigkeit ihrer Vorredner. Sie bemerkte kritisch, daß sie auf einer Tagung, wo sie über zeitliche Abläufe sprechen sollte, erst zum Schluß an die Reihe kam, obwohl das Judentum zeitlich vor dem Christentum angesiedelt ist.

Auf die beiden Statements folgte die Podiumsdiskussion mit den bisherigen Rednern, dem Moderator Robert Leicht und mit Beteiligung des Plenums. Viele erwarteten sie mit Spannung. Hier war Eveline Goodman-Thau die einzige auf dem Podium, die eine wesentliche Frage stellte, nämlich wie wir als Überlebende (nach Auschwitz) mit der Schuld und dem Leiden der Anderen umgehen und damit, daß wir in einer unerlösten Welt leben. Sie hoffte, ein jüdisch-christliches Gespräch anzuregen, aber vergeblich: es war im Folgenden weder Gespräch, noch jüdisch; sie selber kam fast nicht mehr zu Worte (was schade ist, denn sie hat mehr zu sagen, als ihr offenbar anzusehen war), und es wurden hauptsächlich Monologe gehalten, die in einem zu großen Maße der Selbstdarstellung und

-beweihräucherung, der eigenen Eitelkeit und Identitätssicherung, der Verteidigung von Kirchenstrukturen und frommen Werten und der Vermeidung wesentlicher Fragen (aus Angst oder Trägheit?) dienten. Aus dem Plenum wurden ganze zwei Beiträge in die Disskussion zugelassen! Für weitere reichte die Zeit nicht, denn diese wurde im wahrsten Sinne der Worte totgeschlagen, zugeredet, vergeudet, v.a. durch langwierige, z.T. “einschläfernde” (in des Wortes Doppelbedeutung) Darlegungen Ratzingers. Auf die Frage, warum die katholische Kirche die Befreiungstheologie in Lateinamerika unterdrückt[1], antwortete der Kardinal, daß diese durch geschichtliche Befreiung, also durch rein menschliche Tätigkeit schon die Erlösung der Menschen herbeischaffen wolle (was übrigens nicht stimmt, siehe entsprechende Literatur), und daß das nicht ginge. Damit wollte er offensichtlich sagen, daß man aus diesem Grunde gar nicht erst versuchen sollte, die Unterdrückten und Leidenden zu befreien und es besser sei, derartige Bemühungen zu zerstören. Zu dieser “schwarzen” Haltung paßt auch Ratzingers allgemeine Auffassung vom Gott, der über das Leiden (auch der Anderen) hinwegtröstet, so daß am Ende alles gar nicht mehr so schlimm ist. Sehr unprophetisch!

Eine Frage, die leider nicht gestellt wurde und sich v.a. an Ratzinger richten müßte, will ich hier kurz nachholen: Wenn die Rede vom Ende der Zeit, die nur aus der Perspektive der Leidenden sinnvoll wird, ernst gemeint ist, und eine apokalyptisch geschärfte auch mit einer prophetischen Theologie zu tun hat (wie Metz andeutete), dann müßte sich diese Rede auch in der Praxis bewahrheiten. Aber kann eine Kirche, die sich praktisch nicht auf die Seite der Leidenden stellt, wie beispielsweise an ihrem (schon erwähnten) Umgang mit den Basisgemeinden und der Befreiungstheologie in Südamerika deutlich wird, sondern im Gegenteil eine Kirche der Reichen, des Reichtums und der Macht ist, wirklich vom Ende der Zeit reden, oder möchte sie nicht viel lieber, daß es gar kein Ende der Zeit gibt, sondern alles so bleibt wie es ist?

In der Kritik an der Autonomie des Menschen befanden sich Metz und Ratzinger scheinbar in friedlichem Einvernehmen. Ersterer meinte sogar, daß sie beide gerade aus diesem Grunde so angesehene Theologen seien. (Und als Metz betonte, daß Moral nicht einfach im Konsens der Menschen entstehen könne, nichte Ratzinger zustimmend.) Aber der Unterschied, daß der eine die Autonomie durch fremdes Leiden, der andere jedoch durch die Obrigkeit und Macht der Kirche infrage gestellt sieht, der eine durch beunruhigende Fragen und der andere durch triumphale Antworten, kam überhaupt nicht zur Sprache. Daß Gott zu sagen für den einen bedeutet (oder bedeuten müßte!), die Autorität der Leidenden ernst zu nehmen und Herrschaftsstrukturen zu zerbrechen, und der andere mit dem gleichen Wort eine ins Unendliche gesteigerte Herrschaft meint, der man sich fügen und beugen muß… Denn was sonst sollte der Hintergrund für Ratzingers Insistieren auf Gehorsam sein (auch der Papst sei nichts als “gehorsam”), in welchem man fromm und ergeben ins Leiden einwilligen, “leiden lernen” solle, ohne Protest, ohne Klage? (Damit ist natürlich etwas ganz anderes gemeint als mit der “Leidensmystik” bei Metz oder dem von Goodman-Thau geäußerten Gedanken, daß dort, wo jemand an der Welt leidet und trauert, der Messias kommen kann, – hier geht es gerade nicht darum, sich mit etwas abzufinden!) Als ob die Tugend des Gehorsams nicht spätestens seit der Nazi-Zeit mehr als fragwürdig geworden wäre!

– Eveline Goodman-Thau verteidigte dagegen die Autonomie des Menschen und betonte, daß es die eigene Entscheidung ist, ob mich das Leiden der Anderen etwas angeht oder nicht. –

Der Unterschied zwischen einem Gott der Herrschaft, der Faktizität und der Macht einerseits und dem befreienden, oft angefragten, angeklagten und vermißten Gott andererseits wurde in der “Diskussion” nicht thematisiert. Dazu trug sowohl die großartige Sprachkultur Ratzingers, die ihn zu einem meisterhaften Verdrängungskünstler macht, bei, als auch – wie mir scheint – Metz’ Unaufmerksamkeit. Lag es nur an seinem Gesundheitszustand, oder wird auch er konservativ? Er verhielt sich Ratzinger gegenüber seltsamerweise in einer fast untertänigen, zuvorkommenden Verehrung und redete ihn als “Herr Kardinal”, aber nicht bei seinem Namen an. Letzteres könnte vielleicht auch daran liegen, daß Ratzinger – trotz seines milden Lächelns – in seiner Art zu sprechen und in seinen Gebärden den Eindruck machte, als sei er ohne Ich und ohne Subjektivität und wie eine leblose Marionette von Fäden gesteuert, als hätte seine Funktion des Kardinals sich an die Stelle seiner Person gesetzt.

Die Tagung endete in der altbekannten Resignation und Hoffnungslosigkeit einer tödlich versteinerten Kirche, wovor ich mich gefürchtet habe. Jedenfalls schien mir Ratzingers einschläfernde und herrschaftskonforme Gottesideologie gesiegt und Metz’ befreiende Theologie sich ihr stillschweigend (fast) gebeugt und verloren zu haben.

Zu einem umso unerwarteteren kleinen Lichtblick wurde dann das Schlußwort durch Werbick, der in seiner freundlichen, einfachen Art innerkirchliche Tabuthemen ansprach, wie die Fehlbarkeit und die Angst auch der höchsten Entscheidungsträger und Machthaber der Kath. Kirche und u.a. kritisierte, daß sie zu wenig mit den Menschen mitleiden und mitleben. Aber: Die eigentlichen Fragen sind ganz andere als die selbstgeschaffenen innerkirchlichen Probleme.

Daniel Stosiek

[1]Frage aus dem Plenum

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