Affekte, Emotionen und Ökonomie

2016, Brasilien

Worin besteht der Zusammenhang zwischen Affekten, Emotionen und Ökonomie, sowie zwischen Resonanz und Heterotrophie, wenn letzterer Begriff im weiteren Wortsinne als Leben von fremder Arbeit verstanden wird? Und wie ist das Verhältnis zwischen Produktion und Reproduktion?

Die menschliche Wirtschaft hat sich auf der Grundlage bereits bestehender “freiwillig entäußerter” Arbeit der Natur gebildet, die besonders seit der Brutpflege der Vögel und Säugetiere gegeben ist. Von da an gibt es Produktion, die darin besteht, dass die autopoietische Reproduktion, der Energieumsatz, je eines Organismus sozial – nämlich im Unterschied zum Gefressenwerden freiwillig – veräußert wird, d.h. das Resultat (die potentielle Energie) der Arbeit je eines lebenden Systems dem Lebensprozess eines anderen lebenden Systems in Form von “Dingen” (Ei; Milch; Nest) und “Dienstleistungen” (Füttern, Wärmen, Beschützen) zugute kommt. Produktion ist immer Funktion sozialer Reproduktion, Funktion sozialer Beziehung. Dasselbe dürfte in qualitativ neuer Dimension für die Arbeit des Menschen gelten. Sie ist soziale Beziehung, Liebesakt. Die humane Arbeit ist sozialisierter Energiedurchsatz. Menschliche Wirtschaft ist immer Ökonomie der Reproduktion, nämlich Verausgabung und gleichzeitige Wiederherstellung des Gemeinwesens in Beziehung zu seiner Exteriorität der Natur, ausnahmslos bzgl. der Wirtschaft als ganzer, das ist ihr Wesen. Abweichungen im Detail sind genauso wenig ein Gegenargument, wie der mögliche Selbstmord dagegen, dass der Lebensprozess eines Menschen diesen reproduziert, solange er lebt, oder wie die anzutreffende Dummheit kein Argument dafür sein kann, dass die Dummheit das Wesen des Menschen sei.

 

Spinoza leitet die Affekte aus dem Conatus ab, dem Bestreben jedes Dinges, im Sein zu verharren.[1] Bezieht sich dieses Streben, der Conatus, auf Geist und Körper zugleich (die verschiedene Attribute, Aspekte jeweils desselben Dinges sind), dann wird es Trieb, appetitus, genannt, der damit genau die Essenz des Menschen sei; und die Begierde, cupiditas, sei der Trieb mit dem Bewusstsein des Triebes.[2] Daraus leiten sich die drei Grundaffekte ab, die schon genannte Begierde (cupiditas), Freude (laetitia) und Trauer (tristitia). Dabei entspricht die Freude der Vermehrung der Wirkungsmacht bzw. Handlungsmacht (potentia agendi) des Körpers und der Macht des Geistes zu denken (mentis nostri cogitandi potentia) und die Trauer deren Verminderung.[3]

Die einfachsten Systeme der Selbstorganisation der Materie sind dissipative Systeme[4], d.h. raumzeitliche Systeme, die unter Bedingungen eines von außen zugefügten thermodynamischen Ungleichgewichts (z.B. Temperaturdifferenz) spontan entstehen und eine erhöhte Komplexität mit der Tendenz zeitlicher Dauer entwickeln. Deren Tätigkeit ist charakterisiert durch zwei einander widersprechende, aber im Fließgleichgewicht[5] sich ergänzende Richtungen. Zum einen ist die Bewegung ein Vollzug, eine Verausgabung, welche die Entropie erhöht. Zum andern stellt dieselbe Bewegung in Interaktion mit der Außenwelt, der Exteriorität des Systems, zugleich die Bedingungen für den Vollzug der Verausgabung, d.h. die potentielle Energie, die “Arbeitskraft”, wieder her. Dieser zweite Aspekt verringert die Entropie und ermöglicht zusammen mit dem ersten Aspekt eine relativ hoch bleibende Negentropie.[6] Der Aspekt des Vollzuges, der Verausgabung, ist intransitive Tätigkeit oder öffnet sich auch Resonanzen, nichtlinearen Kopplungen zwischen Oszillationen über die Systemgrenzen hinaus, sozusagen einer Subjekt-Subjekt-Beziehung; der andere Aspekt der Tätigkeit, welcher den Zugang der potentiellen Energie wiederherstellt, entspricht dagegen der operativen Schließung des Systems gegenüber der Außenwelt, d.h. der Tendenz nach einer Subjekt-Objekt-Beziehung.

Dieser zweite Aspekt, nämlich die Nutzung eines Teiles der im System gespeicherten potentiellen Energie, die allerdings nur in der Konstellation und Interaktion mit der Exteriorität potentielle Energie ist[7], für die Wiederherstellung der Bedingungen für die eigenen Prozesse, d.h. für den notwendigen Zugang zur Umgebung im thermodynamischen Ungleichgewicht, mag bei einem dissipativen System kaum als Eigenaktivität erkennbar sein, entwickelt sich aber spätestens in der Evolution des Lebens ab der Zelle. Das äußert sich in der aktiven Nahrungssuche und -aufnahme, ab einem späteren Stadium im Atmen, im Konkurrenzverhalten, im Aufsuchen geeigneter Orte zum Leben, in der Umgestaltung der eigenen Umgebung, usw. Auf allen Lebensstufen hat die Bewegung, das System der eigenen Prozesse, die doppelte Bedeutung, das sie einerseits Verausgabung ist, die den Zweck in sich selbst hat, die eine Zeitstruktur der Oszillationen ausbildet, welche in Resonanzen innerhalb des Systems und über die Systemgrenzen hinaus gehen können, und dass sie andererseits in Interaktion mit der Exteriorität, der Umwelt, zugleich die Bedingungen für die eigenen Prozesse wiederherstellt. Deshalb muss es zwei einander entgegengesetzte Tendenzen geben, von denen die eine danach strebt, möglichst viel zu verausgaben, zu verbrauchen, potentielle in Bewegungsenergie umzusetzen, in raumzeitliche Strukturen hoher Komplexität zu transformieren, obwohl diese zeitlich begrenzt sind, und die andere sich im Energiedilemma[8] befindet und danach strebt, durch Aktionen, die möglichst wenig Energie des Ungleichgewichts verbrauchen, in Interaktion mit der Umwelt möglichst viel potentielle Energie in sich aufzunehmen. Es ist anzunehmen, dass die beiden Tendenzen sich – in Relation mit der Exteriorität – in einem Gleichgewicht halten, und dass es innerhalb des Systems / des Organismus ein sich selber organisierendes Funktionssystem gibt (zweite operative Schließung[9], die zwischen Psychischem und Körper, die also innerhalb des Körpers eine weitere Differenzierung der Komplexität, zusätzlich zur Unterscheidung zwischen Körper und Umwelt, schafft), welches – immer im Austausch und Lernprozess mit der Umwelt – diese Balance leistet.

Wenn die Affekte sich aus dem Conatus, dem Streben im Sein zu verbleiben, herleiten, dann müssen sie sich auf beide Aspekte der Tätigkeit beziehen, nicht nur den der ständigen Wiederherstellung der Bedingungen für die eigenen Prozesse, sondern auch auf diese Prozesse selbst, auf den Vollzug der Verausgabung.[10] Es ist naheliegend, dass das Begehren, die Freude und die Trauer als Grundaffekte sich unmittelbar, bezüglich der Gegenwart, auf die Prozesse der Verausgabung beziehen und vermittelt, in Bezug auf die Zukunft und unter Rückgriff auf das Systemgedächtnis, auf denjenigen Aspekt der Tätigkeit, der die Bedingungen für die Vollzüge der Bewegungsenergie, den Zugang zur potentiellen Energie, wiederherstellt.

Ähnliches dürfte für die komplexeren Vorgänge der Emotionen gelten. Emotionen als “(multi)oszillatorische Prozesse in der fließenden Gegenwart” vermitteln “in psychischer Hinsicht zwischen den jeweiligen Erlebniszuständen des Subjekts und zu bewältigender Neuigkeit”[11], zwischen den unterschiedlichen Stufen der Schließung des Systems (doppelte Schließung), zwischen unmittelbarer Gegenwart und erwarteter Zukunft (durch vorauseilende Widerspiegelung) unter Rückgriff auf das Gedächtnis, und zwischen Funktionen und Zentren unterschiedlicher Entwicklungsstufen, zwischen rudimentäreren und ideelleren Funktionen.[12] Als Resonanzen, verstanden als nichtlineare Koppelungen zwischen Oszillationen, bilden sie komplexe Zusammenhänge zwischen Oszillationen innerhalb des je eigenen Systems, aber auch über die Systemgrenzen hinaus zwischen Organismen.

Wenn die Emotionen multioszillatorische Prozesse sind, die sich auch auf unterschiedliche Entwicklungsstufen beziehen, wobei die je komplexeste Stufe das dominante Bewusstsein bildet, ist trotz verschiedenen Komplexitätsgrades anzunehmen, dass die unterschiedlichen Funktionen und Zentren, welche strukturelle Koppelungen, Resonanzen, bilden, jeweils Subjektcharakter behalten. Die nichtlinearen Koppelungen dürften weiterhin primär, was jedenfalls die unmittelbaren Vorgänge betrifft, auf der Ebene der Prozesse der Verausgabung der Energie, der Bewegungsenergie geschehen, auch wenn mittelbar jede Entwicklungsstufe zugleich in “verdinglichender” Beziehung zur Umwelt die Bedingungen für die Verausgabung reproduziert.

Ein Organismus, der einen bestimmten Stoff oder Körper als Nahrung erkennt, verfügt über einen “Überschuss an Signifikation”[13]. Das setzt voraus, dass der Organismus in Bezug auf die Umwelt, sowie dass vergleichbar auch eine neue Entwicklungsstufe jeweils bezüglich der vorangegangenen Stufe, über einen Überschuss an Komplexität verfügt, der mit einer erhöhten Fähigkeit zur Interaktion einhergeht, in diesem Falle zwischen dem Organismus (Bakterium) und “Nahrung”. Information – objektiv betrachtet – oder Geist – intersubjektiv gesehen – ist der Aspekt der Komplexität der Materie. Geist und Ausdehnung sind nach Spinoza Attribute, Aspekte derselben Wirklichkeit. Es kommt aber zu Symmetriebrüchen, Polarisierungen. Derjenige Bereich oder Funktionszusammenhang, der sich durch Interaktionen komplexer organisiert hat, verfügt über mehr Information oder Geist als seine Umgebung. Deshalb ist er auch in höherem Grade zur Wiederspiegelung der Wirklichkeit[14] und zum Handeln fähig – im Vergleich sowohl zur Umgebung, als auch zu eigenen je rudimentäreren Entwicklungsstufen. Dennoch behalten auch die objektivierbaren Bereiche der Wirklichkeit, von denen sich ein System oder Systembereich durch operative Schließung absondert, Subjektcharakter. Etwa so dürfte das Verhältnis zwischen Organismus und Umwelt, zwischen Psychischem und Körper und andere Verhältnisse innerhalb des Organismus zu begreifen sein. Wenn die Emotionen multioszillatorische Prozesse sind, dann sind sie auf subjekthafte Oszillationen vielfacher Zentren und Funktionen innerhalb und in sozialer Hinsicht außerhalb des eigenen Organismus angewiesen; und eine je erreichte Bewusstseinsstufe kann nicht unbegrenzt eigene je rudimentärere Stufen und/oder die Umwelt objektivieren, ohne dass die Emotionen sich immer mehr verdünnen und virtuell verschwinden.

Nach der Simonovschen Emotionsformel ist die Emotion eine Funktion aus Bedürfnis (need), der Differenz zwischen der Information über die für die Befriedigung des Bedürfnisses voraussichtlich notwendigen Mittel (means predictably necessary for satisfying the need) und der Information über die bereits verfügten Mittel (information on means that the subject has available to him at the given moment), und weiteren Faktoren.[15] Wolfgang Jantzen ergänzt bei den Faktoren die zeitliche Dimension, das Aufgreifen möglicher Handungen, die “Wahrnehmung von Alternativen möglicher Zukunft in Form unterschiedlicher Motive”, weiterhin die Wahrnehmung der Informationsdifferenz, Alternativen bzgl. der Motive und der möglichen Tätigkeiten.[16]

Man könnte die Simonovsche Emotionsformel als Anwendung des Energiedilemmas verstehen, wobei das Bedürfnis die psychische Entsprechung des körperlichen Bedarfes an potentieller Energie, an Zugang zum thermodynamischen Ungleichgewicht und auf soziale Zusammenhänge (die wiederum von energetischer Bedeutung sind) ist, und es sich bei den Mitteln um die individuell oder sozial zu verausgabende und die verfügbare pot. Energie handelt, um eine bestimmte Menge an (pot.) Energie zu gewinnen – wobei u.a. Information und Einschätzung des Risikos hinzuzufügen wäre.

Tätigkeit ist nach Leont’ev der auf ein Bedürfnis bezogene Teil der Aktivität.[17] Tätigkeit ist – so Leontjew – immer auf die gegenständliche Welt außerhalb des Subjektes bezogen.[18] Dabei kann, würde ich differenzieren, die Beziehung zur Welt sowohl als Subjekt-Objekt-, als auch als Subjekt-Subjekt-Beziehung aufgefasst werden, wobei erstere mit letzterer zusammen, im Gegensatz aber auch in Verknüpfung, vorkommt. Juan José Bautista sagt, dass bei den Aymara Boliviens die Natur überhaupt als Subjekt, als Du, und die Beziehung der Menschen mit ihr als Subjekt-Subjekt-Beziehung, aufgefasst wird.[19] Dies mag den Gedanken bestätigen, dass Tätigkeit nicht nur die Aktivität zu der Art von Bedürfnisbefriedigung ist, für die man Mittel braucht, also zur Beschaffung der potentiellen Energie, welche ihrerseits die Verausgabung ermöglicht, sondern auch die Verausgabung selbst. Letztere ist die Ebene, wo Subjekt-Subjekt-Beziehungen stattfinden können, nämlich nichtlineare Koppelungen zu anderen Oszillationen, Resonanzen mit der Verausgabung der Arbeit anderer Menschen und auch mit der Verausgabung der Natur.

Auch bei der Emotionsformel ist m.E. dieser Aspekt im Detail explizit zu ergänzen. Die Emotion ist nicht nur Funktion von Faktoren, die sich auf den Teil der Tätigkeit beziehen, welcher die Bedingungen für die Verausgabung der Energie, also die potentielle Energie, wiederherstellt, sondern auch auf die Verausgabung selbst. Beide Aspekte zusammen schaffen auf lange Sicht die Negentropie als Fließgleichgewicht.

Aus den möglichen Motiven (in denen sich jeweils ein Bedürfnis mit einem Gegenstand verknüpft) wird – so W. Jantzen – dasjenige als dominantes ausgewählt, das “den höchsten emotionalen Gewinn bzw. den geringsten emotionalen Verlust verspricht”[20].

“In emotionaler Hinsicht ist das Motiv […] ein Sinnerfüllungsversprechen”[21].

Wie wird der Sinn erfüllt? Indem sich der Conatus – durch Trieb (appetitus) und Begehren (cupiditas) – erfüllt, durch beide Aspekte der Tätigkeit: durch eine Verausgabung der (pot.) Energie, also Arbeit, Energieumsatz als Prozess, die zugleich – in Interaktion mit der Exteriorität – die Reproduktion des eigenen (raumzeitlichen) Körpers (individueller Sinn) und / oder des sozialen Zusammenhangs (sozialer Sinn) schafft, wobei der Aspekt der Verausgabung, der die Entropie vermehrt, zusammen mit seinem Gegenteil, dem Aspekt der Wiederherstellung der potentiellen Energie, die Negentropie bewahren. Verausgabung als Prozess und Wiederherstellung der Bedingungen für diesen Prozess durch den Prozess selbst in Interaktion mit seiner Exteriorität müssen sich die Waage halten. Sozialer Sinn kann sich nur entfalten, wenn nicht nur die Bedingungen wiederhergestellt werden (z.B. durch Arbeitsprodukte, technologische Entwicklung), sondern es auf Grundlage der Prozesse der Verausgabung der Arbeit zu nichtlinearen Kopplungen, Resonanzen zwischen den Oszillationen kommt, zwischen Menschen, zwischen unterschiedlichen Entwicklungsstufen des Menschen, sowie zwischen Mensch und Natur.

Der Mensch hat im Laufe der Geschichte durch die spezifisch humane Arbeit die Prozesse des Energieumsatzes in wachsendem Maße sozialisiert, bis in die Gegenwart hinein sogar globalisiert. Sowohl die Arbeit als auch deren Produkte werden weltweit getauscht. Die Arbeit innerhalb von Gemeinschaften von Menschen könnte als Liebesakt angesehen werden; sie ist jedenfalls eine Tätigkeit innerhalb von sozialen Beziehungen, welche sowohl dem Bedürfnis nach Verausgabung entspricht, wie besonders an der künstlerischen Seite der Arbeit zu sehen ist, als auch in Interaktion mit anderen Menschen und mit der Arbeit der Natur das soziale Gemeinwesen reproduziert.[22]

 

Ab einer bestimmten Entwicklungsstufe hat der Mensch die Produktionsmittel immer effizienter entwickelt und dadurch innerhalb relativ kurzer Zeit seine Macht über die Arbeit der Natur ungemein erhöht. Es wurde für einige Subjekte möglich, mit einem immer geringeren Aufwand an Verausgabung eigener Arbeit einen immer größeren Teil der Arbeit der Natur auszubeuten und – vermittelt über Macht- und Eigentumsverhältnisse – anderer Menschen, und sich deren Arbeitsprodukte, d.h. verschiedene Formen potentieller Energie, anzueignen. Das führte im Laufe der Weltgeschichte immer wieder zur Möglichkeit, wenn auch nicht zur Notwendigkeit im strikten Sinne des Wortes, die Tätigkeit und mit ihr zusammen die Orientierung der Affekte und der Emotionen einseitig auf den Aspekt des Energiedilemmas hin zu orientieren, d.h. die Prozesse der Verausgabung der Arbeit auszubeuten und zugleich unterzubewerten und die Beschaffung und Anreicherung der für diese Prozesse notwendigen und aus ihnen hervorgehenden potentiellen Energie überzubewerten.[23] Es reichen wenige Menschen und Gruppen aus, um die ganze Menschheit oder die ganze Erde ideologisch zu beeinflussen. Diese Verhältnisse spielen sich heute besonders extrem zwischen globalem Norden und globalem Süden, sowie schon seit längerem zwischen Mensch und Natur, insbesondere seit der Kolonialzeit zwischen globalem Norden und der Natur des Südens bei sozialer Exklusion eines wachsenden Teiles der Menschheit, besonders des Südens, ab.

Daraus wird die Affektorientierung der Ausbeutung verständlich. Diese ist einseitig am Energiedilemma orientiert und reduziert alle Beziehungen auf Subjekt-Objekt-Beziehungen, angefangen mit der Mensch-Natur-Beziehung bis hin zu allen sozialen Beziehungen einschließlich der Beziehung zu sich selber.

Alle Arbeitsprodukte werden über ihren Gebrauchswertcharakter hinaus zu Fetischen, weil man ihnen affektiv nicht nur die vermittelnde Bedeutung der Struktur potentieller Energie zuschreibt, welche Bedingung für die Verausgabung der Prozesse ist, sondern darüberhinaus die affektive Besetzung der Prozesse selber auf die Dinge überträgt. Diese Übertragung ereignet sich schließlich nicht nur in Bezug auf die konkreten Arbeitsprodukte, sondern auch auf deren Verallgemeinerungs- und Abstraktionsformen, das Geld, das Kapital, das Finanzkapital.

Wenn der Mensch sein Begehren allein oder hauptsächlich auf diese zu erwerbenden Strukturen potentieller Energie richtet, mag er sich einbilden, dass der Affekt der Freude mit dem Erwerb dieser Dinge zunimmt, aber das ist eine Illusion. Er wird kaum zunehmen, weil der entscheidende Faktor die Verausgabung der menschlichen Tätigkeit selber ist, nämlich genau diejenige Verausgabung, welche zugleich an der Reproduktion des humanen und darüber hinaus des naturbezogenen Gemeinwesens beteiligt ist. Wenn diese Aktivität fehlt, wird der Mensch vom Affekt der Trauer beherrscht sein.

In dem Maße, wie die Beziehungen auf Subjekt-Objekt-Beziehungen reduziert werden, müssen die Emotionen verkümmern, weil diese als multi-oszillatorische Prozesse auf Subjekt-Subjekt-Beziehungen angewiesen sind, innerhalb des Organismus zwischen verschiedenen Entwicklungs- und Schließungsebenen, zwischen den Menschen sowie zwischen Mensch und Natur.

 

Was bedeutet das alles für die historische Situation der Frauen und die Beziehungen zwischen den Geschlechtern und für die sozial abgewertete Reproduktionsarbeit und deren Verwertung? Diese Fragen betreffen sowohl die patriarchal traditionell den Frauen überlassene Reproduktionsarbeit im engeren Sinne, als auch zugleich die humane Ökonomie überhaupt, wenn es stimmt, dass es keine Produktion gibt, die nicht soziale Reproduktion wäre. Sheila Robotham schreibt in ihrer Geschichte des Feminismus[24], dass die Ausbeutung der Frauen und die Forderung einer diesbezüglichen Umwälzung der Gesellschaft bei und seit Marx nicht annähernd so tiefgrundig bearbeitet wurden wie die der Arbeiter.[25] Und in konsequenter Weiterführung der Gedanken von Marx und Engels, deren Meinung, dass sexuelle Beziehungen in den Bereich einer bloß privaten Sphäre gehören, sie aber kritisiert[26], schließt sie, dass das Studium der sozialen Beziehungen der Reproduktion ebenso wichtig für das Verstehen der menschlichen Situation und von größter Bedeutung für eine Theorie des Bewusstseins sein müsse wie das von Marx und seinen Weiterdenkern verfolgte Studieren der sozialen Beziehungen der Produktion.[27]

Es kam historisch zu Entwicklungen, durch die es möglich wurde, dass einige Menschen sich mit minimierter Verausgabung eigener Arbeit einen erhöhten Anteil an Resultaten lebendiger Arbeit aneignen konnten. Das begann nicht nur aufgrund der sich entwickelnden Produktionsmittel, sondern mit der Revolution des Zuganges zur Arbeit der Natur durch die Entstehung der Landwirtschaft, der durch unterschiedliche Umweltbedingungen, wie Jared Diamond gezeigt hat[28], an unterschiedlichen Orten der Erde in extrem verschiedenem Ausmaß gegeben war, was die Domestizierbarkeit vorzufindender Pflanzen- und Tierarten und die Ausbreitungsmöglichkeit kultivierter Arten anbelangte. Weitere Argumente dafür, dass eine Revolution im Zugang zur Arbeit der Natur hauptverantwortlich für den Übergang zur verdinglichten Wirtschaft, schließlich zum Kapitalismus ist, sind, dass in Europa sich der Kapitalismus erst zusammen mit dem Kolonialismus seit dem 16. Jahrhundert, d.h. bei Ausbeutung der Arbeit der Natur des Südens als wesentliche Quelle der Wertschöpfung, entwickelte, auch dass die Industrie Englands einen besonderen Aufschwung ab 1825 erfuhr, als die spanischen und portugiesischen amerikanischen Kolonien von ihren Erobererländern unabhängig geworden waren und in ökonomische Abhängigkeit von England gerieten.[29] Die Aneignung der Resultate fremder Arbeit, die jeweils Produkt der Interaktion von humaner und Naturarbeit ist, erfolgte unter verschiedenen Formen des Zwanges über menschliche Arbeit, Herrschafts- und Eigentumsverhältnisse. Erst die Verfügung über den gewachsenen Anteil an Arbeit der Natur potenzierte die Menge an besitzbaren Resultaten fremder Arbeit bei relativ geringer Verausgabung eigener Arbeit. Sobald es Menschen gab, die ihre Affektorientierung einseitig auf die Verfügung über Dinge und Strukturen mit potentieller Energie, die wiederum für Lebens- und Verausgabungsprozesse notwendig sind, lenkten, zugleich aber die Verausgabung selber vernachlässigten oder unterdrückten, führte das zu gravierenden Veränderungen der Lebensweise und der Beziehungsstruktur.

Das Ding, das Arbeitsprodukt, und daraus abgeleitet der verallgemeinerte abstrakte Wert in der Geldform, wurde zum Maßstab allen Handelns und Arbeitens. Die Perspektive der Eigentümer unterwarf die Gesamtheit der Reproduktionsarbeit, d.h. die Arbeit der Natur und die Arbeit der Menschen, der Herstellung von Dingen, später explizit Waren und Kapital. Wie Marx in Bezug auf die Arbeit des Menschen im Kapitalismus analysiert, aber auch schon vorher und auch in Bezug auf die Arbeit der Natur[30], kam es zu unterschiedlichen Verhältnissen der formellen und der reellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital. Dabei bewahrt die Arbeit unter Bedingungen der nur formellen Subsumtion mehr oder weniger die Form der Reproduktion. Und die völlige Verkehrung, die Versklavung der Arbeit unter das Ding und das Kapital, erfolgt v.a. bei der reellen Subsumtion, bezüglich der menschlichen Arbeit etwa in einer Fabrik und bzgl. der Arbeit der Natur bei einer Monokultur. Hier wird der Charakter der Reproduktion weitestgehend ausgeblendet.

Die Beziehungen zwischen Mensch und Mensch und die zwischen Mensch und Natur schwanken zunächst zwischen Subjekt-Subjekt- und Subjekt-Objekt-Beziehung. In dem Maße, wie in einer Gesellschaft die Wirtschaft verdinglicht wird, wie nur noch der Aspekt des Resultats von Prozessen, nicht mehr die Prozesse der Verausgabung selber wertgeschätzt und gesehen werden, reduzieren sich die Beziehungen zunehmend auf bloße Subjekt-Objekt-Beziehungen. Das gilt vor allem für diejenigen Subjekte, die Eigentümer sind oder diesen nahe stehen (oder dies anstreben[31]). Die ausschließliche Objektivierung, die sich auf die Natur bezieht, verändert dann in ähnlicher Weise die mitmenschlichen Beziehungen. Warum kam es zum Patriarchalismus und nicht umgekehrt zu einer Herrschaft der Frauen über die Männer bei exakt umgekehrter Aufteilung der Rollen? Weil die Männer an Muskelkraft die Frauen etwas übertreffen? Vielleicht weil die Frauen biologisch etwas näher an der unmittelbaren Reproduktion beteiligt sind als die Männer, durch Austragen und Gebären und Stillen der Kinder? Diese Antwort wird nicht ausreichen. Aber wichtig ist, dass seit der Entwicklung des Patriarchalismus und mit verstärkter Tendenz im Kapitalismus immer mehr die Männer in diejenige Wirtsschaft übergingen und eingespannt wurden, welche der Produktion von Dingen diente. Davor bezog sich die Ausbeutung oft auf die Reproduktionswirtschaft jeweils des ganzen Gemeinwesens, wenn z.B. im Altertum Großreiche sich durch Tribute unterworfener Gebiete bereicherten. Je mehr die Männer sich im Zuge einer Wirtschaft der Produktion von Dingen herauszogen, gegenseitig ausbeuteten und dabei deren Arbeit mit wachsender Tendenz unter die Subsumtion unter das Kapital fiel und in solcher Verkehrung die Form der Reproduktion verlor, setzten sie die Arbeit der Frauen, die als Reproduktion sichtbar blieb, wie erst recht die Arbeit der Natur, als selbstverständlich voraus. Die Arbeit der Frauen und des Familienzusammenhanges bleibt auf der einen Seite eigenständig; sie ist selbstverständlich Reproduktion, die Arbeit ist selbstverständlich Liebesdienst, sonst könnte sie gar nicht geschehen, und doch fällt sie auf der anderen Seite unter die totale Subsumption unter das Kapital oder anderer Herrschaftsformen und wird aus deren Sicht verwertet und zugleich abgewertet. Die Abwertung und Verachtung, die die Männer auf die Frauen richten, die sie zugleich benutzen und ausbeuten, richtet sich genauso gegen die Männer selber und deren Arbeit, deren Charakter der Reproduktion unsichtbar sein soll. Frauenhass von Seiten von Männern kann also nur von Selbsthass begleitet sein. Aus der Sicht des Kapitals sollen die Frauen/ die Familien die bereitwilligen Lohnarbeiter unentgeltlich, wenn auch gelegentlich mit staatlichen Hilfen, produzieren, wie auch die Lohnarbeiterin und /oder diejenige Frau, die wiederum Lohnarbeiter usw. produziert. Deswegen haben die Familien traditionell über viele Generationen einen großen Teil der Aufgaben übernommen, die Luis Althusser dem “ideologischen Staatsapparat”[32] zuschreibt, nämlich die Arbeitskräfte zu “produzieren”, die ohne zu protestieren für die Interessen der jeweiligen Herrschaft arbeiten.

Aber die Reproduktionsarbeit der Familien, besonders der Frauen kann nicht völlig unter die Verkehrung fallen, nicht völlig versklavt werden, nicht ausschließlich verdinglicht werden und unter die “reelle Subsumtion” nach Art einer Fabrik oder einer Monokultur fallen, weil sie damit verschwinden würde, da der Mensch ohne Beziehung nicht leben kann. Deshalb kommt es aus der Sicht der vorwiegend von Männern beherrschten verdinglichten Wirtschaft zu einer immer weiter gehenden Ausbeutung, die aber immer nur so weit gehen kann, dass die Liebe ausgebeutet wird, solange sie noch Liebe bleibt. Solange nicht alles zusammenbrechen soll, bleibt es bei solcher vergifteten Liebe, der Männer gegenüber den Frauen, der Frauen gegenüber den Kindern und auch wieder im Gegenzug gegenüber den Männern, bei der die Dosis des Gifts nicht ein bestimmtes Maß überschreiten kann. Es ist schwer, aus diesem Schillernden auszubrechen.

Die den Frauen überlassene Reproduktionsarbeit bleibt also, solange die Ausbeutungsverhältnisse fortbestehen, im Gegensatz zu derjenigen der Männer, als solche sichtbar, muss sichtbar bleiben, fällt aber unter die Abwertung und Stigmatisierung. Das jeweilige Ergebnis wird zwar gewünscht und gelobt (das gute Essen, das saubergemachte Haus, das “artige” Kind), aber nicht der Vollzug, die Verausgabung. Alle Verausgabung, die nicht unmittelbar der Verwertung, dem zu verdinglichenden Ergebnis dient, bleibt aus Sicht der Männer, insofern diese von der Verdinglichungswirtschaft körperlich wie geistig subsummiert sind, abgewertet, kleingemacht, gemieden. Das Menstruationsblut gilt in patriarchalen Gesellschaften als tabu, wird zum Teil noch heute von Männern gefürchtet. Alle sexuellen Lebensweisen, die nicht dem geforderten “Resultat” dienen, sondern primär dem Vollzug, werden verteufelt.

Der Bereich der Reproduktionsarbeit und der diese begleitenden Liebesbeziehungen, derjenigen zwischen Männern und Frauen, zwischen gleichem Geschlecht, zwischen Eltern und Kindern, bleibt also in einem Doppelcharakter, einem Schillernden, das zwischen einer totalen Subsumption, die sich nie ganz durchsetzen kann, und einer Eigenständigkeit die dennoch der Subsumtion verfallen ist, schwankt. Der Kapitalismus kann nur existieren, wenn die Beziehungen Liebe bleiben und sich dennoch auf ihr Gegenteil reduzieren lassen, auf die bloße Produktion von Dingen.

Jeder Vollzug ist Reproduktion. Und jede Tätigkeit der Reproduktion ist Vollzug, Leben. Reproduktion ist niemals nur Produktion eines Ergebnisses, einer Struktur mit Energie im Zustand des thermodynamischen Ungleichgewichts, welche der Fortsetzung des Prozesses dient, sondern selber Vollzug, Verausgabung, Leben. Deshalb ist politisch nicht nur das Grundeinkommen für alle zu fordern, bei der Gerechtigkeit geht es nicht nur um die Verteilung. Sondern das materiale Prinzip der Ethik und Politik, von dem Enrique Dussel spricht[33], das die Reproduktion des humanen Lebens in allen Hinsichten meint, muss auch das Recht jedes Menschen mit umfassen, mit der Verausgabung der eigenen Arbeit, des eigenen Lebens, sich ohne Ausbeutung an der Reproduktion desjenigen Bereiches der Menschheit zu beteiligen, in dem auch die Produkte der Arbeit zirkulieren. Der Karl Marx des 3. Bandes des Kapitals und mit ihm Enrique Dussel, der sich auf ihn bezieht[34] bleiben bei der Dichotomie zwischen den beiden Aspekten der Tätigkeit, dem der Wiederherstellung der Bedingungen für die Verausgabung des Lebens und der Verausgabung selbst, in Form einer unaufhebbaren Unterscheidung zwischen dem “Reich der Notwendigkeit”, wo die Arbeit nur auf das Ergebnis der Arbeit bezogen bleibt und selber als Prozess, als Vollzug, Leiden bedeutet, und dem “Reich der Freiheit”, der “menschliche[n] Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt”[35]. Aus dem Bereich der Reproduktion, sowohl der abgewerteten aber sichtbar gebliebenen der Frauen, als auch der bei indigenen Völkern, ist dagegen zu lernen, dass es sich nur um ein “Reich” handelt. Die Resonanz mit der Natur als Prozess, mit der Arbeit der Natur, die von beiden Autoren auf die Arbeitsresultate reduziert und stillschweigend vorausgesetzt wird, ist nur auf der Ebene der Prozesse möglich, wenn die Natur nicht nur als Objekt, sondern auch als Subjekt aufgefasst wird. Noch sichtbarer wird das bei der Care-Arbeit, der tendenziell den Frauen überlassenen Reproduktionsarbeit, hier ist es offensichtlich, dass das Reich der Notwendigkeit nur das Reich der Freiheit sein kann; oder es gibt überhaupt keine Freiheit, weil diejenige der sich isolierenden Männer auf der Ausbeutung und Verdinglichung der Arbeit der Frauen beruhte. Es muss auch umgekehrt argumentiert werden können: die “menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt”, ist immer Reproduktion. Eine Analogie mag diesen Gedanken stärken: Hans Heinz Holz wirft die Frage auf, wie der menschliche Geist in seiner Vielgestaltigkeit und Phantasie ausnahmslos Widerspiegelung der materiellen Wirklichkeit sein könne, und beantwortet die Frage mit der Möglichkeit, als Aspekt der Wirklichkeit[36], die mit der Zeitlichkeit zusammenhängt. Diesen Gedanken erkläre ich mir mit Hilfe der Frage, wie die Paradoxie des Zenon[37], dass die Zeit nicht als unendliche Abfolge von Nullpunkten erklärt werden kann, zu lösen sei. Jeder Zeitpunkt muss den Gesamtzusammenhang der Zeit, Vergangenheit und Zukunft, enthalten. Wie aber kann ein Zeitpunkt die Zukunft enthalten, die noch nicht da ist? In Form der Möglichkeit. Wenn die Möglichkeit ein Aspekt der Wirklichkeit ist, dann bezieht sich alles Denken auf die Wirklichkeit und ist Widerspiegelung derselben. Und analog ist jede menschliche Kraftentwicklung und -verausgabung, die sich Selbstzweck ist, Reproduktion, unabhängig davon, ob das betreffende Subjekt eine adäquate oder eine inadäquate Idee davon hat.[38] Der Affekt der Freude bezieht sich jedesmal auf den Conatus, in diesem Fall auf die Bewahrung des eigenen Seins und die Steigerung der Handlungs- und Denkfähigkeit (“Denken” erweiterbar auf alles Geistige und Subjekthafte), aber nicht nur auf den individuellen, sondern auch den sozialen Conatus, die Bewahrung des Gemeinwesens, und nicht nur auf das menschliche Gemeinwesen, sondern auch die Mensch-Natur-Beziehung. Deshalb müsste Gerechtigkeit im Sinne des Buen Vivir[39] das Recht jedes Menschen mit umfassen, an der Reproduktion der Mensch-Natur-Beziehung durch Verausgabung eigener Arbeit in sozialer Beziehung mit Mensch und Natur aktiv beteiligt zu sein.

 

Es bedarf einer Umwertung und Umgestaltung. Zum einen alle Arbeiten sozial so zu gestalten, dass der Vollzug als Leben gelebt werden kann, und umgekehrt die Lebensaktivitäten als Arbeit und als sozial bezogen zu erkennen. Und die Umwertung der Werte ginge in die Richtung, wie Pablo Neruda in seiner Nobelpreisrede sagte, dass der Dichter wie der nächste Bäcker sei, der das Brot macht. Derselbe Gedanke wäre auf die Reproduktionsarbeit zu beziehen. So spricht Ana Maria Tepedino als Alternative zum Anthropozentrismus von einem Ökozentrismus, einer Relationalität, und verknüpft die Beziehung zwischen Mensch und Natur mit dem Verhältnis zum eigenen Körper[40], und Ofelia M. Ortega thematisiert eine sexuelle Ethik, bei der nicht die Resultate der Prozesse, sondern die Prozesse selbst, sowie die Beziehungen und die Kommunikation im Vordergrund stehen[41]. Solche Gedanken machen umso mehr Sinn, wenn die Natur, auch die äußere, wie im Ökofeminismus z.T. geäußert und bei indigenen Völkern häufig üblich, als subjekthaft aufgefasst und sozial einbezogen ist.

Im Sinne von Louis Michel und ihren Erfahrungen der Pariser Commune[42] wäre die Anarchie der einzige Zustand, in dem die Menschen ganz im Prozess, in der Verausgabung leben, und wo die soziale Anerkennung gegenseitig und reziprok die Reproduktion wiederherstellt, ohne dass jemand zu deren Absicherung auf Herrschaft zurückgriffe.

Wenn die Produktion von materiellen oder geistigen “Dingen” zum Fetisch werden, dann sind Wissenschaft, Philosophie, Wirtschaftsbereiche vom Thron zu stürzen. Aber anders gesehen ist zu erkennen, dass sie alle Aspekte der Reproduktion sind, dass sie Leben sind. Gerade damit ist nicht das Niedrigste, sondern das Höchste gemeint. Wie die Feministin Marcela Lagarde betonte, dass beispielsweise die Wissenschaft Leben ist und nicht etwas davon Losgelöstes.[43]

Die Verkehrung mag bis ins Absurde wachsen, aber sie ist eine Quadratur des Kreises, ein Selbstwiderspruch; die humane Wirtschaft kann ihrem Wesen nach niemals irgend etwas anderes sein als Reproduktion, solange Menschen leben.

 

Nachtrag:

Sheila Robothams Kritik an Marx und Engels scheint auf die generelle Kritik hinauszulaufen, dass die Autoren nur den einen Aspekt der Tätigkeit, den der Wiederherstellung der potentiellen Energie, den ergebnisorientierten, als sozial erkennen und sozialisieren, aber den andern Aspekt, den des Vollzuges, privatisiert lassen wollen, d.h. den Vollzug, der als das Leben aufgefasst wird, sei es die Liebesbeziehung, sei es jede beliebige Beschäftigung. Es geht auch um eine breite, eine zu entwickelnde Kritik an denjenigen linken Positionen, die wie Enrique Dussel und Hugo Assmann ihrerseits in Kritik am Modell des homo eoconomicus, der nach Präferenzen wählt, vor allem den Menschen mit Grundbedürfnissen thematisieren. Die Grundbedürfnisse sind nur der eine Teil der Tätigkeit, nämlich derjenige, der auf die Wiederherstellung der Bedingungen für die Verausgabung der Tätigkeit, der notwendigen potentiellen Energie, hinausläuft. Der andere Teil der Tätigkeit ist die Verausgabung selbst, die im höchsten Sinne das Menschsein ausmacht. Die Armut bedeutet nicht nur Hunger, sondern auch diesen Aspekt. Die Menschen werden an diesem genuin humanen Leben gehindert, weil ein großer Teil der Natur, des Landes, in Form von Privatbesitz und anderen Formen der Verfügung an private und staatliche Akteure verteilt ist. Die Tätigkeit in beiden Aspekten ist aber nur in Beziehung zur Arbeit der Natur, daher zugleich mit den Lebensprozessen der Natur, in Subjekt-Objekt- und Subjekt-Subjekt-Beziehungen möglich. Um auch die zweite Beraubung zu bekämpfen, ist die Abschaffung des Privateigentums an Natur nötig. Marcela Lagarde deutet an, dass Genderdemokratie gleichen Zugang zu den Ressourcen der Welt impliziere [44]. Nicht nur die Beseitigung des Privateigentums an Produktionsmitteln ist nötig, sondern auch dessen an Land, Natur. Das läuft auf Anarchie (Louise Michel) hinaus und ist ein wesentlicher Aspekt von ihr. Herrschaft bindet sich an affektive Besetzung von Dingen, zum einen Arbeitsprodukte, zum andern an Arbeitskraft, nämlich sowohl humaner als auch an Ak der Natur, in Form von Land. Diesen Hebel der Herrschaft abzuschaffen ist ein Weg zur Anarchie, welche eine Konnotation hat wie die A-Himsa des Ghandi, die Gewaltlosigkeit. Die Möglichkeit ist Teil der Wirklichkeit, sie steckt in jedem Augenblick, auch wenn es schwer zu glauben ist.

Aber zurück zum Ausgangsgedanken: auch der Vollzug der Tätigkeiten, einschließlich derer, die Marx dem Reich der Freiheit zuschlägt, oder der Liebesbeziehungen, sind nie nur privat, sondern öffentlich, Teil der Reproduktion. Das Intimste ist dialektisch mit dem Öffentlichen verknüpft, selber sozial, das hat Marx in den Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten “noch” gewusst. Dies bewusst zu machen, ist genauso bedeutsam wie die bei Marx thematisierten Produktionsbeziehungen als soziale zu erkennen. Dies wäre eine Antwort auf Sheila Robothams Forderung, auch die Beziehungen der Reproduktion aufzudecken.

[1]Baruch de Spinoza: Ethik in geometrischer Ordnung dargestellt, lateinisch deutsch, neu übersetzt und herausgegeben von Wolfgang Bartuschat, Hamburg 2007, S. 240, Lehrsatz 8. Das Streben, mit dem jedes beliebige Ding strebt, in seinem Sein zu verharren. Conatus, quo unaquaeque res in suo esse perseverare conatur.

[2]Ebd., 243, Anmerkung zu propositio 9.

[3]Ebd., 243, 11; 245.

[4]Ilya Prigogine: Die Gesetze des Chaos, Frankfurt am Main 1998. u.a. Bücher.

[5]Lee Smolin, der – von Energieflüssen angetriebene und von Rückkopplungsprozessen stabilisierte und geformte – Systeme der Selbstorganisation sowohl im Bereich der Galaxien, als auch in der Biosphäre thematisiert, beschreibt die Sterne im “dynamischen Fließgleichgewicht” zwischen den einander entgegengesetzten Kräften der Kernreaktionen, die zur Explosion drängen, und der Gravitation, die zur Implosion neigt.

Lee Smolin: Im Universum der Zeit. Auf dem Weg zu einem neuen Verständnis des Kosmos, München 2014 (Orig.: Time Reborn…, New York 2013), S. 294.

[6]Wolfgang Jantzen thematisiert das Streben nach maximaler Negentropie, unter Verweis auf Nikolai Bernstein, als Aspekt des Conatus. Ders.: Was sind Emotionen und was ist emotionale Entwicklung, in: Jahrbuch der Luria Gesellschaft 2014, herausgegeben von Willehad Lanwer und Wolfgang Jantzen, Berlin 2015, S. 20, 24f.

[7]Denn, wie Leibniz sagte, “Die Zusammenstellung aller Bedingungen ist die volle Ursache der Sache.” Hans Heinz Holz (Hrsg. und Übers.): Gottfried Wilhelm Leibniz: Philosophische Schriften, Bd. I, Kleine Schriften zur Metaphysik, Frankfurt am Main 1996, S. 17.

[8]Zum Energiedilemma in der Biologie (bezeichnenderweise thematisiert im Lernen in der Biologie erkennbarer Zusammenhänge für die Technik, wo das Energiesparen, aber nicht der Vollzug der Verausgabung Zweck sein kann), d.h. dem Streben, mit möglichst wenig Energieaufwand möglichst viel komplexe Energie anzueignen:

Werner Nachtigall: Biologisches Design, in: Form + Zweck 17, Berlin(?) 2000.

Werner Nachtigall: Biologisches Design. Systematischer Katalog für bionisches Gestalten. Unter Mitarbeit von Alfred Wisser, Berlin/Heidelberg 2005 (Springer), S. 194.

[9]Zur doppelten Schließung, unter Verweis auf Heinz von Foerster, Wolfgang Jantzen: Was sind Emotionen und was ist emotionale Entwicklung, 2014, u.a. S. 23f, 35f.

[10]Es wäre denkbar, dass beide gleichzeitig, als Aspekte derselben Bewegung, oder auch voneinander unterscheidbar, nebeneinander, rhytmisch nacheinander, ineinander verschränkt, stattfinden. Wenn ein Lebewesen zu wenig dafür sorgt, dass potentielle Energie verfügbar ist, kann es zugrunde gehen, aber wenn es diese nicht in Lebensprozesse umsetzte, dann käme das Leben unmittelbar zu Erliegen.

[11]Jahrbuch der Luria Gesellschaft 2014, S. 9 (Vorwort).

[12]W. Jantzen, Was sind Emotionen und was ist emotionale Entwicklung, auch unter Rückgriff auf Vygotsky.

[13]So W. Jantzen mit Varela, ebd. 23.

[14]Hans Heinz Holz: Dialektik und Widerspiegelung, Köln 1983, zur Spiegelmetapher S. 62-78.

[15]P. V. Simonov: The Emotional Brain. Physiology, Neuroanatomy, Psychology and Emotion, New York 1986, 21.

[16]Wolfgang Jantzen: Was sind Emotionen und was ist emotionale Entwicklung, S. 40.

[17]Ebd.

[18]A. N. Leontjew: Tätigkeit, Bewußtsein, Persönlichkeit. Erschienen in der Reihe: Studien zur Kritischen Psychologie, K.ln 1982, Campus.

[19]Juan José Bautista: De la comunidad ideal de comunicación a la comunidad real de la comunicación, in: Ebd., S. 90-97; v.a. S. 91.

[20]Was sind Emotionen und was ist emotionale Entwicklung, 40

[21]Ebd., 41.

[22]Dazu habe ich geschrieben in: Natur und Befreiung, Münster 2014.

[23]Zur Rolle der Verfügung über die Arbeit der Natur bei der Entstehung des Kapitalismus: mein noch nicht veröffentlichter Text: Die soziale Ausgrenzung der Natur.

[24]Sheila Rowbotham: Women, Resistance and Revolution. A History of Women and Revolution in the Modern World, New York 1974.

[25]Ebd., 60-62.

[26]Ebd., 76.

[27]Ebd., 68, 70.

[28]Jared Diamond: Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften, Frankfurt am Main 1998 (Originalausgabe “Guns, Germs, and Steel. The Fate of Human Societies”, New York 1997).

[29]Louis Bergeron/François Furet/Reinhaft Koselleck, die Autoren von Das Zeitalter der europäischen Revolution 1780-1848 (Frankfurt am Main 1969) wundern sich in Bezug auf die Entwicklung Großbritanniens über den “erneute[n] Sprung nach vorn” (S. 189), “den die Industrielle Revolution augenfällig um 1825 und deutlicher noch um 1835 unter scheinbar so ungünstigen Verhältnissen machte” (ebd.). Sie führen als Ursache die Beseitigung der französischen Konkurrenz in Handel und Kolonisation an (ebd. u. f.). Aber stärker dürfte das Wegfallen des Handelsmonopols Spaniens und Portugals in Bezug auf Lateinamerika wiegen. Zur wirtschaftlichen Ausbeutung der ehemaligen spanischen und portugiesischen Kolonien Amerikas seit deren politischer Unabhängigkeit mit zunehmender Ökonomie der Monokulturen für Export, Extraktion von Bodenschätzen usw. mit Dominanz Großbritanniens: Gustavo Beyhaut: Süd- und Mittelamerika II. Von der Unabhängigkeit bis zur Krise der Gegenwart, Frankfurt am Main 1965.

[30]Meine Veröffentlichung: Natur und Befreiung. Politische Ökonomie der Mensch-Natur-Beziehung in der Schule und Schuld bei indigenen Völkern, Berlin/Münster 2014. Darin das 23. Kapitel: Formelle und reelle Subsumtion der Arbeit der Natur.

[31]In einem jüdischen Witz sagt eines der ärmsten Gemeindemitglieder zum Rabbiner: Mir scheint, ich werde reich. Der Rabbiner: Was heißt das, bist du reich oder nicht? Das Gemeindemitglied: Noch nicht, aber die ersten Anzeichen sind bereits da: ich bin geizig und habe kein Mitleid mehr mit den Armen!

[32]Zum ideologischen Staatsapparat, der zunächst von der Kirche, später durch die Schule verwirklicht wird, wo das Subjekt von der Institution “angerufen” wird: Louis Althusser: Ideologie und ideologische Staatsapparate, 1. Halbband, Hamburg 2010 (geschrieben 1969/70).

[33]Enrique Dussel, 20 Thesen zu Politik, mit einem Geleitwort herausgegeben von Ulrich Duchrow, Berlin 2013, S. 105ff (13. These).

[34]Ebd., 144-148 (Punkt 18.2).

[35]Marx, Engels: MEW 25, S. 828.

[36]Hans Heinz Holz: Dialektik und Widerspiegelung, 76ff.

[37]So Zenon von Elea. M. Laura Gemelli Marciano (Auswahl, Übersetzung, Erläuterungen): Die Vorsokratiker. Band II: Parmenides, Zenon, Empedokles. Düsseldorf 2009, S. 131, 117.

[38]Eine Idee ist nach Spinoza immer zugleich ein Affekt; die adäquate Idee ist Bejahung und entspricht der actio, dem aktiven Affekt, wohingegen bei einer inadäquaten Idee der Geist leidet. Zu den Ideen: Spinoza: Ethik (oben zitiert).

[39]Alejandro Barranquero-Carretero, Chiara Sáez-Baeza: Comunicación y buen vivir. La crítica descolonial y ecológica a la comunicación para el desarrollo y el cambio social. Palabra Clave 18(1), 41-82. DOI: 10.5294/pacla.2015.18.1.3.

[40]Ana Maria Tepedino: Espiritualidad: relaciones y conexiones, in: Elsa Tamez: La sociedad que las mujeres soñamos. Nuevas relaciones varón-mujer en un nuevo orden económico, Costa Rica 2001 (Herausgegeben vom Departamento Ecuménico de Investigaciones), S. 61-67.

[41]Ofelia M. Ortega: Los problemas éticos y el compromiso de la mujer caribeña por la vida, in ebd., S. 69-86.

[42]Marian Leighton: Anarcho-Feminism and Louise Michel.

[43]Marcela Lagarde in Interview mit Maribel Blázquez und J. Ignacio Pichardo, 2008.

Einsehbar im Internet: http://www.cddhcu.gob.mx/LeyesBiblio/pdf/LGAMVLV.pdf

Veröffentlicht: AIBR. Revista de Antropología Iberoamericana. http://www.aibr.org

Volumen 4, Número 1. Enero-Abril 2009. Pp. 4-10

Madrid: Antropólogos Iberoamericanos en Red. ISSN: 1695-9752

[44]Marcela Lagarde y de los Riós: El feminismo en mi vida. Hitos, claves y topías, Mexiko Stadt 2012, 31.

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