„Häretische“ Theologie

Wenn zwei oder drei Juden zusammen lernen, ist Gott dabei und lernt mit.

Chassidischer Spruch

(wie ich ihn von Eveline Goodman-Thau 2009 in Paris hörte)

 

Als sich die Politik der Wiedervereinigung näherte, begriff ich nicht sofort, dass dies auf die Abschaffung bzw. das als nichtexistent Erklären der einen Seite, nämlich der DDR, hinauslief. Lange hatte ich mich gefragt, wie eine Vereinigung der beiden ungleichen Seiten gehen sollte, ein zu humanisierender Sozialismus und eine zu sozialisierende Marktwirtschaft oder so ähnlich, bis mir jemand sagte, natürlich wird alles kapitalistisch, was mir in jenem Moment dann auch plötzlich als unentrinnbar klar wurde, so wie wenn eine Falle zuschnappt und es keinen Rückweg mehr gibt.

Ähnlich unentrinnbar könnte auch im Rückblick die ungleiche Wiedervereinigung zwischen Himmel und Erde nach der Kopernikanischen Wende erscheinen. Davor galten diese beiden als räumlich streng getrennte Bereiche, unten die feste unbewegliche Erde, und oben der Himmel, mit Gott und den Engeln. Es existierte eine strenge göttliche Hierarchie ins Transzendente, das Leben auf Erden sollte dem Himmel nachgebildet werden, die Priester und Könige waren dabei dem Himmel am nächsten, und es gab unzählige vermittelnde Personen, wie die Heiligen z.B.. Mit Galilei und Kopernikus war aber klar, daß die Erde selber ein Himmelskörper ist so wie die Sterne und Planeten, daß sie sich drehte, daß der Boden unter den Füßen wankte. Es gab plötzlich den Beobachtungen zufolge nur eine Welt. Frühe Autoren wie J.Böhme, J.Bruno, dann in Kritik an Descartes der Philosoph Spinoza, arbeiteten an einem Weltbild der Dialektik, wo das Spirituelle und das Materielle Aspekte einer Welt sind. Aber Descartes entwickelte die Lehre von zwei unabhängigen Substanzen, “Denken” (Geist, Subjektives, Spritituelles, Gott) und Ausdehnung (Materie, das Objektive), die als radikal voneinander zu trennen zu denken wären. Damit machte er zunächst die eigentliche Pointe der Kopernikanisch Wende rückgängig und schuf eine noch radikalere Dichotomie, als es sie zuvor je gegeben hatte, die zwischen Geist und Materie. Das cartesianische Modell ist zur allgemeinen Denkgewohnheit geworden, auch wenn man sich nicht ausdrücklich zu Descartes bekennt. Wer gläubig ist, sieht Gott außerhalb der materiellen Welt, sogar wer politisch links denkt, sieht das “Normative” oder die Utopie als gleichsam außerhalb der faktischen Welt. Die faktische Welt wiederum wird in der Regel bis heute als eine grundsätzlich seelenlose, geistlose, tote Materie betrachtet. Die mißglückte “Wiedervereinigung” endete letztlich in einem Weltbild, welches dort, wo jemand seriös erscheinen will, in der Wissenschaft oder in der Politik, alles Spirituelle, den Geist und die Seele, als nichtexistent erklärt. Wer wiederum religiös ist oder über Ethik nachdenkt, hält das Faktische für irrelevant. Auch ich habe im Zuge geisteswissenschaftlicher Studien im Grunde die Naturwissenschaften bis vor wenigen Jahren (etwa Mai 2013) unbewusst geringgeschätzt, was ein Fehler war.

Mit Spinoza, mit der Annahme, dass das Ausgedehnte denkt und das was denkt, ausgedehnt ist, dass was Materie ist, auch Geist, und was Geist, auch Materie ist, sieht die Welt völlig anders aus. Alle Prozesse des Lebens und des Kosmos sind Übergänge von potentieller in kinetische (Bewegungs-) Energie und von kinetischer in potentielle Energie. Potentielle Energie jeweils als Ursache der kinetischen, also der Bewegungen zu begreifen, bedeutet, eine Struktur der Komplexität, der reduzierten Entropie anzunehmen, die in die Bewegung übergeht. Lebewesen, Subjekte, erhalten potentielle Energie von der Umwelt (die Pflanzen durch die Sonne in der Konstellation Sonne-Erde-Weltall, die Tiere und Menschen durch Nahrung und Atmung, usw.) und transformieren sie in ihre Lebensvorgänge, bei denen sie einerseits die potentielle Energie verbrauchen und daher Nachschub benötigen, andererseits aber auch Strukturen der Komplexität, die je eigenen Körper – als raumzeitliche Einheiten zu verstehen – und die sozialen Zusammenhänge in Interaktionen reproduzieren. Früher nahm man an, dass das Universum sich in Richtung Wärmetod entwickeln müsse, weil bei allen Bewegungen die Energie im Zustand der Komplexität verbraucht wird. Der gegenwärtige Physiker Lee Smolin vermutet dagegen, dass es antithermodynamische Vorgänge auf der Ebene des Universums gibt, durch welche offenbar insgesamt die Komplexität zunimmt. – Diejenigen Prozesse, bei denen in zeitlicher Hinsicht Komplexität erhalten wird oder zunimmt, sind im Sinne des Physikers I. Prigogine, von innen betrachtet, als subjekthaft anzusehen. Die Materie wird gleichsam sehend, wie er sagt. Wir können fremde Subjektivität nicht wirklich von innen betrachten, aber durch ihre Äußerungen und durch Ähnlichkeiten annehmen. Potentielle Energie ist immer eine Konstellation von Faktoren. Nach Leibniz ist die Zusammenstellung aller Bedingungen die volle Ursache der Sache. Da im Universum alles in Wechselwirkungen geschieht, ist letztlich der Gesamtzusammenhang aller Prozesse und Beziehungen, also Gott, die volle Ursache jedes singulären Prozesses. Wenn ich aber keinen Determinismus annehme, sondern, wieder mit Lee Smolin, wechselwirkende Ursachenbeziehungen, dann ist auch jeder singuläre Prozess, jedes kleinste Subjekt, Teilursache des Gesamtzusammenhanges. Nicht nur Gott, angenommen, er sei als Gesamtzusammenhang die volle potentielle Energie, ist der Schöpfer der Welt, d.h. aller je singulären Prozesse, Subjekte und Beziehungen, sondern letztere sind in völlig gleichem Maße Schöpfer Gottes. Wir schaffen Gott! Spätestens seit den Feuerbachthesen von Marx ist Dialektik nicht mehr ohne die gesellschaftliche, soziale, subjektive Tätigkeit zu begreifen. Wir können uns selbst nicht herausnehmen. Durch die reziproke Liebe zum Nächsten schöpfen wir Gott. Aber noch ein Gedanke zur Energie: Auf der Ebene Gottes, also der Selbstorganisation des Universums, werden potentielle und kinetische Energie ununterscheidbar. Denn die potentielle Energie des Gesamtzusammenhanges ist zugleich der Zusammenhang aller Bewegungen. Dasselbe gilt aber auch für alle anderen Ebenen der Reproduktion. Z.B. ist die Mensch-Natur-Beziehung als sich selber reproduzierender Zusammenhang sowohl das Subjekt (kinetische Energie), als auch das Produkt, das Objekt, der lebendigen Arbeit. Wir sind Schöpfer und Geschöpfe zugleich. Gott ist unvollkommen (das ist offensichtlich), ist lernend (wie nach der Lektüre von Lee Smolin, nämlich der zunehmenden Komplexität im Universum zu vermuten ist), ein Reproduktionszusammenhang, also im höchsten Sinne des Wortes personal, zugleich undenkbar ohne unsere sozial sich realisierende Tätigkeit; d.h. wir alle sind konstitutiv daran beteiligt, als Schaffende und Geschaffene, Beschenkte und Schenkende.

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